Ethik & Ethik
Welche Ethik brauchen wir?
Dieser Artikel erschien am 29./30. Dezember 2001 in der Beilage “ALPHA” von Tagesanzeiger und Sonntagszeitung.
Ethik ist zurzeit in aller Munde. Allenthalben wünscht man sich mehr Ethik und Moral. Eine Begleiterscheinung dieses Phänomens ist aber auch, dass sich alle für ethisch kompetent halten. Schliesslich gehört es zur menschlichen Natur, von den eigenen ethischen Werthaltungen überzeugt zu sein. Was gemäss dem eigenen „gesunden Menschenverstand” moralisch ist, das muss dies - so die weit verbreitete Meinung - auch ganz allgemein sein. Das ist auch schön und gut so, solange es zu keinen Konflikten zwischen unterschiedlichen Wertordnungen kommt. Dass es solche Konflikte geben kann, zeigt sich aber mit aller Deutlichkeit an der aktuellen weltpolitischen Situation: Selbst ein Osama Bin Laden hält von seiner - natürlich absolut untragbaren - Perspektive aus sein Vorgehen für moralisch voll und ganz gerechtfertigt. Was wir im Westen, als schreckliche, verwerfliche Taten sehen, nämlich die Anschläge vom 11. September des vergangenen Jahres, das erscheint in der Interpretation eines Bin Laden als eine heroische Handlung im Kampf für die Armen und Unterdrückten in den Entwicklungsländern und im Kampf gegen den westlichen Kulturimperialismus. Gegen Bin Laden, wie etwa auch gegen Milosevic, kommt man mit dem oberflächlichen Rekurs auf die Alltagsmoral des gesunden Menschenverstandes nicht an, denn sie sind davon überzeugt, die Moral auf ihrer Seite zu haben.
Und auch jenseits des Extrembeispiels von Bin Laden zeigen sich nicht immer überbrückbare Wertkonflikte zwischen den Kulturen. Ist unsere freiheitliche Kultur wirklich immer ein so erstrebenswertes Gut, wie uns George W. Bush weismachen will? Sind es Big Brother, Fast Food und Videospiele wirklich wert, dafür in den Krieg zu ziehen? Es ist keineswegs a priori gesichert, dass die eigene Position immer auch die einzig moralisch zu rechtfertigende Position sein muss. Vor diesem Hintergrund ist es nicht die wesentliche Aufgabe des Ethikers, „mehr Moral” und „mehr Ethik” zu fordern, sondern mit rationalen, wissenschaftlichen Argumenten haltbare von unhaltbaren Positionen zu unterscheiden sowie bessere gegenüber schlechteren Wertsystemen auszuzeichnen. Seine Aufgabe besteht darin, bei der Entscheidung zu helfen, „welche Moral” wir wollen.
In der Wirtschaft kommt es nun zu ähnlichen Wertkonflikten. Sowohl Unternehmen als auch Globalisierungsgegner sind davon überzeugt, dass die Wirtschaft moralische Verpflichtungen hat. Daran gibt es keine Zweifel. Denn selbst die liberalistische Extremposition, die einzige soziale Verantwortung der Wirtschaft bestünde darin, Gewinn zu erwirtschaften, ist eine ethische Position. Zweifel bestehen aber darin, wie die Verantwortung der Unternehmen zu definieren ist und hier gibt es, das wird sich wohl auch im Umfeld des nächsten Weltwirtschaftsforums wieder zeigen, nicht weniger divergierende Moralvorstellungen als im privaten oder im politischen Bereich.
Die Aufgabe des Wirtschaftsethikers besteht ebenfalls nicht bloss darin, mehr Moral in der Wirtschaft zu fordern, sondern auch aufzuzeigen, welche Moralvorstellungen gerechtfertigt werden können, wo Gegenpositionen ernst genommen werden müssen und wo berechtigte Anliegen von Betroffenen bestehen. Dazu reichen die Alltagsmoral und der gesunde Menschenverstand aber nicht aus. Ethik ist eine Wissenschaft, die in mehr als zweitausend Jahren komplexe Begriffssysteme entwickelt hat. Gerade auf diese Begriffssysteme, und nicht auf seine moralischen Eingebungen, greift der ernsthafte Wirtschaftsethiker auch bei seiner Beratungstätigkeit zurück.
Gerald Deix

