Ethik als Frühwarn-Instrument?

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In dieser Rubrik habe ich einige alte wirtschaftsethische Artikel, die zum Teil bis ins Jahr 2001 zurückgehen, neu zusammengestellt. Ethik sollte, zumindest sehe ich das so, als Frühindikator für gesellschaftliche Veränderungen und wirtschaftschaftliche Entwicklungen eingesetzt werden. Der Abgleich mit einigen aktuellen ethischen Diskussionen soll einen Überblick vermitteln, inwieweit sich langfristige Chancen und Risiken abschätzen lassen.

 

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Warum vertraut uns niemand, nicht einmal wir selbst? 

 

Die Finanzkrise wird allenthalben als Vertrauenskrise interpretiert. Nun ja, das hatten wir schon mal. Man ersetze Worldcom durch Madoff, Enron durch Lehman Brothers, und die Credit Suisse durch die UBS. Voilà… here we go:

Zur aktuellen Vertrauenskrise

 

Herr Biedermann sagt den “Abzockern” den  Kampf an,  indem  er mehr Aktionärsdemokratie fordert. Auch die Politik sieht das Heil in mehr Aktionärsmitbestimmung. Wer sich ein wenig in der Wirtschaftsethik auskennt, steht dem durchaus skeptisch gegenüber. Schliesslich war es der ausufernde Shareholdervalue-Kapitalismus mit der daraus folgenden Gier aller Beteiligten, der die nunmehr schlimmste Wirtschaftskrise seit den Dreissiger-Jahren des letzten Jahrhunderts auslöste. Wird hier also der Bock zum Gärtner gemacht? Jedenfalls scheint es ausgesprochen fraglich, dass Konsultativabstimmungen ein probates Mittel gegen exorbitante Managergehälter wären. Wahrscheinlicher ist, dass damit die Bezüge legitimiert werden. 

Von Shareholdern und Stakeholdern

 

Und dass überzogene Profitgier zum finanziellen Desaster führen kann, hat man auch schon irgendwann gehört:

Paradox des Profits

  

Jenseits des Atlantiks ist man ohnehin wieder einmal dabei, sich moralisch neu zu erfinden. Nachdem Bill Clinton mit dem Golfkriegsdesaster von Vater Bush und den Reaganomics aufräumen musste und Bush Junior der Nation nach Clintons Lewinsky-Schlüpfigkeiten neue Moral beibringen wollte, möchte man ihn jetzt so schnell wie möglich vergessen. Sowohl in moralischer Hinsicht als auch allgemein. Mit der globalen Umsetzung des eigenen Wirtschaftsrechts wird der moralische Führungsanspruch der USA zu einem der wenigen erfolgreichen amerikanischen Exportartikel. Auch dieses Thema hatten wir bereits:

USA: Auf der Suche nach der moralischen Führungsrolle

  

Ist es gerechtfertig, dass alle UBS Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Lohnkürzungen in Kauf nehmen müssen? Das auch dann, wenn sie sich nichts zu Schulden haben kommen lassen und ihre Abteilung profitabel arbeitet? Das hängt unter anderem von der Antwort auf die Frage ab, ob man Verantwortung nur individuellen Mitarbeitern zuschreibt, oder ob man davon ausgeht, dass  unabhängig davon eine eigenständige Verantwortung des gesamten Unternehmens besteht. Diese Verantwortung würde anteilsmässig nach ihrem insgesamten Einfluss allen Mitarbeitenden zufallen. Zu exakt diesem Thema habe ich 2002 meine Dissertation veröffentlicht:

Das Akteursmodell der Wirtschaftsethik Moralität, Identität und Handlungsfähigkeit, Dissertation bei Prof. Dr. A. Leist und Prof. Dr. G. Kohler Universität Zürich, 2002, 403 Seiten, 2506 kB.

Einen kurzen Zeitungsartikel dazu gibts hier:  Organisationale Verantwortung 

 

Ebenfalls des öfteren hört man, die Entscheidungsträger hätten allgemein ihre Verantwortung nicht wahrgenommen und nur auf den eigenen Vorteil, und denjenigen einiger weniger Interessengruppen geschaut. Man müsse den langfristigen Ansprüche aller wesentlichen Anspruchsgruppen , zum Beispiel der Gesellschaft und Umwelt, der Kunden und der Mitarbeiter wieder mehr Gehör verschaffen. Naiv visionär wirkt vor dem aktuellen Hintergrund die Vision, erfolgreiche Geschäftstätigkeit könne oder müsse nachhaltig sein. Denn damit waren ausdrücklich nicht bekannte Platitüden und Werbesprüche wie “wir befolgen höchste ethische Ansprüche” - u.a. Citigroup - oder ”ein zertifiziertes Sozialmanagementsystem steigert die Glaubwürdigkeit ihres Unternehmens” gemeint.

 

Akademische Besserwisserei? Eben doch erhobener Zeigerfinger? Nicht umsetzbar? Oder ein wertvolles Analyse- und Prognosetool, diese Ethik? Genau hier setzt der ethische Diskurs ein, falls er denn einsetzt.

Gerald Deix

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