Das Paradox des Profits
Dieser Artikel erschien am 6./.7. April 2002 in der Beilage “ALPHA” von Tagesanzeiger und Sonntagszeitung. Ähnlichkeiten mit aktuellen Diskussionen und Ereignissen sind rein zufällig.
Ein führender US-Wirtschaftsethiker schreibt Folgendes: “The business manager should focus less on profit and focus more on doing the right thing, which means treating the humanity of all corporate stakeholders as an end and managing in accord with the principles of the moral firm. If managers manage in that way and do it from the motive of duty, profits are likely to result.”
Der Entscheidungsträger soll sich weniger nach möglichem Profit und statt dessen mehr danach richten, das Richtige zu tun. Das Richtige zu tun, bedeutet nach Auffassung dieses kantianisch ausgerichteten Wirtschaftsethikers, die Menschenwürde aller vom unternehmerischen Handeln betroffenen menschlichen Individuen und Gruppen von Individuen als Selbstzweck und nicht bloss als Mittel zum Zweck zu behandeln. Des weiteren sollen die Manager ihre Entscheidungen nach den an anderer Stelle definierten Prinzipien des moralisch verantwortungsbewussten Unternehmens ausrichten. Schliesslich sollte diese ökonomisch, ökologisch und sozial verantwortungsbewusste Art der Unternehmensführung nicht etwa bloss als Instrument zur Imageverbesserung oder zur Vermeidung von Haftungs- sowie Geschäftsrisiken und damit wiederum aus Profitdenken gewählt werden, sondern aus echtem Engagement zu fairem wirtschaftlichen Handeln.
Wenn sich Manager daran halten und das rein ökonomische Profitdenken in den Hintergrund stellen und statt dessen versuchen, für ihre wesentlichen Anspruchsgruppen wie Mitarbeiter, Kunden, Shareholder und lokale Gemeinschaften die bestmögliche Leistung nach den drei Dimensionen der Nachhaltigkeit - ökonomisch, ökologisch und sozial - zu erzielen, dann ist es wahrscheinlich, dass sich daraus unter den Bedingungen der heutigen, global vernetzten Kommunikationsgesellschaft auch der grösste langfristige, oder eben nachhaltige ökonomische Erfolg ergibt. Da es sich dabei vordergründig betrachtet um eine widersprüchliche Ausgangslage handelt und Unternehmen auch moralisch (!) zur Erhaltung ihrer Konkurrenzfähigkeit verpflichtet sind, kann man dieses moralische Prinzip auch als das „Paradox des Profits” bezeichnen.
Welche Relevanz hat diese ethische Theorie für die aktuelle Wirtschaftspraxis? Nun, zumindest ist in Umkehrung dieses Prinzips schon längst erwiesen, dass rein profitorientiertes und/oder unethisches wirtschaftliches Handeln allzu oft auch zu gewaltigen ökonomischen Schäden, ganz abgesehen von sozialen und ökologischen Schäden, führt.
Die jüngsten Beispielsfälle von wirtschaftsethischem Fehlverhalten stellen sich nur zu oft auch als Fälle von Missmanagement dar: Der Fall ABB-Barnevik-Lindahl, der Fall Enron, der Fall Swissair. Asbest und Argentinien. Und so weiter, und so fort… Die Indizien dafür, dass das wirtschaftsethische Paradox des Profits tatsächlich zutreffen könnte, sind nur für die Unbelehrbarsten der Unbelehrbaren zu übersehen. Das zielführende Rezept zur Vermeidung solcher Problemfälle ist jetzt aber, gerade die ethisch und damit ökonomisch, sozial sowie ökologisch verantwortungsbewusste Unternehmensführung, die Ethik und Moral nicht bloss instrumentalisiert.
Gerald Deix

